Grauen des Krieges

Damals las man Zeitung noch auf Papier: Dr. Fuchs...

...vor dem Neumarkter Krankenhaus...

... und im Jahr 2010 mit OB Thumann und Bürgermeisterin
Ruth Dorner, als sie die Stadtmedaille erhielt
NEUMARKT. Das neue Zeitzeugenprojekt "Lass die Vergangenheit ruhn!? - Die ver-führte Jugend - Die Jugend des Ver-Führers" startete im Dezember des letzten Jahres (
wir berichteten). Jetzt gab es eine erste Zwischenbilanz.
Schon bald hatte sich eine stattliche Anzahl von Zeitzeugen aus
der Stadt Neumarkt und der Umgebung gemeldet. Die ersten Befragungen fanden bereits statt.
Wie schon das Vorläuferprojekt "Neumarkt und seine Juden" versucht auch das neue
Vorhaben eine Brücke zu schlagen von der Jugend von heute zur Jugend des Jahres
1945 - den nunmehr "Alten". Was sie damals erlebten, und vor allem wie sie es erlebten
und was sie dabei empfanden steht dabei im Mittelpunkt - Geschichte soll über die Fakten
hinaus nach-erlebbar werden.
Bomber über Neumarkt
Interessant, spannend - und erschütternd, so beschreiben die Interviewer die Erzählungen
der Zeitzeugen. Wie zum Beispiel im Februar 1945 der Schulunterricht immer öfter wegen
Bombenalarm unterbrochen werden musste, die Schüler dann schließlich heimgeschickt
wurden, auch am 23. Februar.
Schon oft hatten sie Bomberpulks über Neumarkt
hinwegfliegen gesehen, auf dem Weg von oder nach Nürnberg, aber noch nie war in
Neumarkt etwas passiert. Ungläubiges Staunen, dann Panik und Entsetzen - als sie
sahen, dass sich der Bauch der Flugzeuge öffnete und schwarze Kümmelkörner taumelnd
herauspurzelten, die rasch größer wurden und ohrenbetäubend pfeifend auf die Erde zu
rasten. Nicht alle schafften es in den vermeintlich sicheren Keller, manche, die noch auf
dem Nachhauseweg waren, suchten Schutz in Gräben oder hinter Böschungen.
Die Erde bebt, Wände zittern. Hält die Kellerdecke? Werden wir verschüttet? Nach der
ersten Welle: Hoffnung, ist es vorbei? Dann kommt schon der zweite Angriff. Danach:
Angst, Sorge um Freunde, Angehörige: Haben sie es auch geschafft, konnten sie sich in
Sicherheit bringen? Es war ein wunderschöner Tag gewesen, jetzt hängen Rauch und
Staub in einer schier undurchdringlichen Wolke über der Stadt. Jetzt schnell nach Hause!
Hinter dem Bahnhof ist ein ganzer Bombenteppich niedergegangen. Tote,
Schwerstverletzte mit aufgerissenen Leibern, - noch lebendig werden sie auf
Pritschenwagen verladen. Schreie - sie klingen noch immer im Ohr.
Wenige Häuser hatten richtige Keller, meist gab es nur kleine unterirdische
Vorratskammern. Viele suchten daher Schutz in den Wäldern am Mariahilfberg oberhalb
der Stadt.
Entsetzen auch dort, als man die Bomben fallen sieht. Eine kaum 14-Jährige hält
es bei der Familie nicht mehr aus, sie rennt weiter den Berg hinauf - direkt in den
Bombenhagel. Als man nach ihr sucht, schauen gerade noch zwei Ringelsocken aus dem
wie aufgewühlten Erdreich - man beginnt mit bloßen Händen zu graben, legt sie frei, holt
Sand und Erde aus Mund und Nase - sie lebt noch! - Sie öffnet die Augen, sagt: "Papa!",
und stirbt in seinen Armen.
Ein paar Tage nach dem Examen: Einzige Assistenzärztin im Neumarkter
Krankenhaus
Gerade einmal 24 Jahre alt war sie, noch im April waren die letzten Examina gewesen.
Aus über 100 Angeboten suchte sich die Absolventin der Medizinischen Fakultät der Uni
München die Assistenzarztstelle in Neumarkt aus, weil hier ein freies Mittagessen
angeboten wurde - das Neumarkter Krankenhaus hatte eine eigene Landwirtschaft, die in
diesen schwierigen Zeiten, auch nach dem Krieg, eine ausreichende Ernährung der
Patienten und Ärzte sicherstellte.
Eine Unterkunft war bei Freunden der Familie gesichert,
beides wichtiger als eine unsichere Bezahlung. Fernzüge fuhren im letzten Kriegsmonat
kaum noch und waren zu gefährdet, so kam Dr. Elisabeth Fuchs mit Lokalbahnen über mehrere Stationen
nach Neumarkt, dessen nördliche Stadthälfte auch nach den beiden Bombenangriffen
noch weitgehend erhalten war, wie sie auf dem Weg zum Krankenhaus feststellte.
Auch
andere Zeitzeugen bestätigen diese Aussage. "Schöne Gegend, schöne Stadt - hier kann
man leben!" - Sie konnte noch nicht ahnen, dass davon wenig die letzten Kriegstage
überstehen würde, weil einige Haufen versprengter SS-Soldaten die kampflose Übergabe
der Stadt verhinderten und durch ihre Aktivitäten die fast totale Zerstörung der Altstadt
durch Beschuss und Brandbomben provozierten.
Das Neumarkter Krankenhaus war damals, wie viele Kleinstadt-Krankenhäuser, ein reines
Belegarztkrankenhaus. Mit Ausnahme des Chirurgen - dem einzigen zwischen Nürnberg
und Regensburg - waren alle vier Belegärzte eingezogen. So musste die junge Ärztin Dr.
Fuchs buchstäblich ins eiskalte Wasser springen -
Learning by doing würde man heute
sagen.
Auch für die ambulante Versorgung der Patienten in Stadt und Umland waren die beiden
zuständig. Und weil weder Kraftfahrzeuge noch Treibstoff verfügbar waren, erledigte die
junge Ärztin die Patientenbesuche per Fahrrad - oft bis zu 50 Kilometer am Tag, auch bis in das
Einzugsgebiet der benachbarten Städte, wenn deren einzige Ärzte wieder mal zur Jagd
gingen oder sich zum Dichten zurückgezogen hatten...
In den letzten Kriegstagen wurde das Krankenhaus geräumt, Patienten und Arzt
versteckten sich in den Glossner-Kellern, wie auch ein Großteil der Bevölkerung Schutz in
den umliegenden Dörfern suchte, wo sie von Freunden, Verwandten und auch als Fremde
hilfsbereit aufgenommen wurden und, teilweise in Scheunen und auf Heuboden, die Zeit
verbrachten, bis sie wieder ins dann zerstörte Neumarkt zurückkehren konnten, oft erst,
nachdem dort eine notdürftige Unterkunft hergerichtet war.
Die junge Ärztin fand
Unterschlupf bei Ambulanzschwestern in Litzlohe, von wo sie nach acht Tagen ans
Krankenhaus zurückkehrte. In der Zwischenzeit war Neumarkt fast völlig zerstört und
geplündert worden.
Zeitzeugenprojekt: Jeder kann mitmachen
Das Zeitzeugenprojekt wurde, wie berichtet, von der Volkshoschschule Neumarkt, dem Historischen
Verein und dem Verein "Musical und Theater" (M.U.T.) Neumarkt initiiert. Wie schon beim letzen
Projekt "Juden in Neumarkt" streben die Initiatoren ein breites Bündnis von Mitwirkenden
an, auch um zu demonstrieren, dass Stadt und Region Neumarkt bereit sind, sich mit ihrer
Vergangenheit auseinanderzusetzen.
So haben sich ein Großteil der weiterführenden
Schulen Neumarkts und auch einige aus dem Landkreis bereits angemeldet und ihre
Mitarbeit zugesagt. Auch Jugendorganisationen oder Vereine können wertvolle Beiträge
liefern, haben sie und ihre Mitglieder doch oft ganz unterschiedliche Beziehungen zur
damaligen Zeit und den Zeitzeugen, deren Erinnerungen gesichert und den
nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden sollen. Und auch weitere
Zeitzeugen sind gesucht, hieß es.
Die Ergebnisse des Projekts sollen unter anderem in das "Audioguides"-Projekt des
Bayerischen Rundfunks integriert werden.
Reproduktion der Schwarzweiß-Fotos: F.X. Müller.
03.02.12
neumarktonline: Grauen des Krieges
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